Abspann - Ein Resümee
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26. Mai 2009 | Autor: Josef Lederle

Mit einem sympathischen Palmen-Regen ist am Sonntag das 62. Internationale Filmfestival in Cannes zu Ende gegangen. Wieder einmal triumphierte das kunstsinnige Autorenkino an der Croisette, das allem Krisen-Gerede zum Trotz unbeirrt an der Überzeugung festhält, zuerst den eigenen Ansprüchen zu genügen – und sich nicht nach vermeintlichen Publikumsbedürfnissen zu richten.
Am Gewinner der "Goldenen Palme", Michael Haenkes "Das weiße Band", lässt sich das exemplarisch nachvollziehen. Der Film passt allein schon mit seiner Länge von 150 Minuten in kein gängiges Kino-Schema, vom Inhalt ganz zu schweigen. Milchig-trübe Schwarz-Weiß-Bilder aus der Provinz vor dem Ersten Weltkrieg, gefühlte zwei Dutzend Konflikte, die keine Auflösung finden, eine Unzahl an Figuren, Personen, Motiven und Schicksalen, die sich gar nicht so leicht auseinander halten lassen: das sind nach gängiger Lesweise Garanten des Misserfolges – welche durch ein beherztes "Rewriting" der Script-Doktoren ausgebügelt werden müssten, wenn der Film Zuschauer finden sollte. Das Resultat solcher Interventionen wäre freilich nicht einmal mehr ein Bändchen, geschweige denn ein ernsthafter Versuch, etwas über die mentale Gemengenlage vor der ersten großen europäischen Raserei auszusagen, ein Haneke ohne die für Haneke typischen Elemente; kurz: das Gegenteil von dem Film, den die Jury aus zwanzig erstklassigen Werken als den besten herausgepickt hat.
Man muss diesen Eigensinn der Autoren immer aufs Neue verteidigen und die altmodische Idee der künstlerischen Freiheit stark machen, weil mit Filmen so viele Interessen verbunden sind. Der Erfolg an der Kinokasse ist dabei nur ein, wenn auch starkes Motiv. Aktuell gerade wieder en vogue ist etwa die nationale Emphase, die sich voller Stolz an die Brust schlägt, weil Tarantino seinen "Inglorious Basterds" in Babelsberg gedreht hat, unter respektabler Beteiligung der deutschen Steuerzahler, die über den Deutsche Filmförderfonds auch "Das weiße Band" oder Lars von Triers "Antichrist" mit auf den Weg gebracht hat. Chapeau, gut gemacht, will man Minster Neumann gratulieren, wäre da nicht der schwarzrotgoldene Anstrich, der aus einer amerikanischen Pop-Fantasie im schlimmsten Fall einen Film mit dollen deutschen Darstellern macht.
Auch eine andere Form der Eingemeindung ins Überschaubar-Konventionelle steht wieder hoch im Kurs: Die Klage über die extreme Gewalt, insbesondere gegen Frauen, und die blutigen Sturzbäche, die sich in diesem Jahr über die Leinwand ergossen. "Kinatay" (Großer Preis der Jury) von Brillante Mendoza sei der negative Spitze des Wettbewerbs, wird ein missglückter Ausspruch von Thierry Fremaux kolportiert, ein frauenverachtendes Machwerk, das sich an seiner degenerierten Handlung aufgeilt und unter dem Deckmantel des Kunstkinos unverhohlen dem Snuff-Film huldigt. Selbst ein Lars von Trier kommt angesichts eines solchen Verdikts fast ungeschoren davon.
Es stellt sich freilich die Frage, warum kaum jemand am normalen Blutzoll im Kino Anstoß nimmt, sondern dafür in der Regel Filme herhalten müssen, die sich nicht mit Krawumm und Knutschereien abgeben, sondern am Geschlechterkampf ("Antichrist") oder Amoralität ("Kinatay") in einer Weise abarbeiten, die man nicht mehr vergessen wird. Denn das ist das eigentliche Gütesiegel des Cannes-Festivals: Mit Filmen zu konfrontieren, die alle Kategorien sprengen und in einer Weise mit Themen konfrontieren, die man nur schwer wieder auf die Seite schieben kann.
Dass es 2009 dabei glücklicherweise gerade nicht um Tagesaktualität ging, um die verbrannten Milliarden der Finanzjongleure, Massenarbeitslosigkeit oder die Müllkippe um die Ecke, liegt zwar in den Genen des Kinos begründet, das länger braucht, um reagieren zu können, hat aber auch damit zu tun, dass Filme in der Regel von existenziellen Dingen handeln – der Liebe und dem Tod, Verzweiflung und Glück, dem Ursprung des Bösen und gelegentlich auch der Frage, ob am Ende doch alles irgendwie gut gehen wird.
In Cannes – so viel lässt sich mit Sicherheit sagen, kann man gelassen sein, dass es auch 2010, beim 63. Festival, wieder "Bon Seance" heißen wird, egal, wie bedrohlich die Bässe auch aus den Lautsprechern dräuen.
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