Bischöfe unter Anklage
Kategorien: Christ + Welt, Kollekte. Das Religionsblog | 6 Kommentare
26. Februar 2010 | Autor: Wolfgang Thielmann
Für den Umgang der katholischen Kirche mit den Missbrauchsfällen gibt es keine Patentlösung. Für eine ganze Zeit werden die Bischöfe noch unter Anklage stehen. Und jederzeit kann ein neuer Fall den Boden unter ihren Füßen in Brand setzen. Gut, dass sie die Initiative ergriffen haben, damit die Opfer zu ihrem Recht kommen. Mehrfach hat sich der Vorsitzende der Bischofskonferenz, Erzbischof Robert Zollitsch, auf der Frühjahrsvollversammlung in Freiburg entschuldigt und Entschlossenheit gezeigt, jeden Fall zu verfolgen. Eine Hotline ist geschaltet, der Trierer Bischof Stephan Ackermann zum Beauftragten der Bischöfe für Fragen im Zusammenhang von Missbrauchsfällen berufen. Und Ackermann hat sich zum Recht der Opfer auf Aufklärung bekannt. Gut auch, dass die Bischöfe den Konflikt mit Justizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger im Gespräch lösen wollen. Auch wenn sie ihre Kritik überzogen hat, die katholische Kirche muss derzeit sehr gut überlegen, wo und wie sie sich wehrt. Die Umfragewerte zeigen einen katastrophalen Vertrauensverlust: Zwei Drittel der Deutschen misstrauen den Zusagen, bei der Aufklärung der Vorfälle jede Hilfe zu leisten.
Nun müssen, wie angekündigt, die 2002 verabschiedeten Leitlinien zum Umgang mit Missbrauch rasch überarbeitet werden, vor allem die unverbindlich formulierte Passage über die Einschaltung der Staatsanwaltschaften, die auch Zollitsch kritisiert hat. Er hat auch das heikle Thema aufgegriffen, wie sich die Kirche verhalten soll, wenn die Opfer selber keine Staatsanwaltschaft wünschen, damit ihr Fall nicht öffentlich verhandelt wird. Aber die Kirche muss jedem Anschein entgegentreten, als sei in dieser Sache ihr Recht dem staatlichen vorgeordnet. Sie muss beharrlich zeigen, dass es ihr zuerst um die Opfer geht.
Entschlossenheit im konkreten Fall ist die einzige Möglichkeit, so wie sie das Erzbistum München beim Rücktritt des Ettaler Abtes Barnabas Bögle und des Leiters der Klosterschule, Prior Maurus Kraß, demonstrierte. Damit bestätigen die Bischöfe zugleich, wie richtig es war, dass der Berliner Jesuitenpater Klaus Mertes selber mit Verdachtsfällen an die Öffentlichkeit ging. Verantwortung ist jetzt gefragt, welche Fragen auch immer sie aufwirft.
Die Kooperation mit Fachleuten und Vertretern der Betroffenen hat begonnen. Sie wird zwangsläufig noch intensiver und enger werden müssen. Die Bischöfe erleben noch manche aufregende Woche, in der sie sich auch sehr persönlicher Kritik ausgesetzt sehen. Indem sie das aushalten, ebnen sie den Weg zu neuem Vertrauen.
Mehr zum Thema: RM-Themen-Dossier Missbrauch in der Kirche
Kommentare (6)
Publicola schreibt am 16.03.2010 18:16 Uhr:
AUSBAUPHASE - APOTHEOSE DURCH DIE BUNDESDEUTSCHE PÄDAGOGIK
Georg Picht hatte lange den "Birklehof" im Schwarzwald geleitet u. publizierte mit Gerold Becker u. Hartmut von Hentig, Birklehof-Absolvent, in pädagog. Zeitschriften seine Erziehungsideen. Gerold Becker war ein Intimus von Hellmut Becker, der die Geschichte der Bildung durch seine Vernetzungspolitik wesentlich bestimmt hat. Zu seinen Seilschaften gehörten neben Gerold Becker auch Hartmut von Hentig.
Der bildungspolit. Weg, der eingeschlagen wurde, war geprägt vom Gedanken der Bundesrepublik als "Landschulheim" - weg von Noten, Ausfragen, Hierarchien.
Ein homoerotischer Kreis, der durch Jugendbewegung u. Erziehungsreform, sexuelle Abhängigkeiten u. intime Männerfreundschaften geprägt war, schließt sich mit Hartmut von Hentig, Nestor der Reformschulbewegung, langjähriger Leiter der Laborschule in Bielefeld, Günstling u. intensiver Gesprächspartner von Hellmut Becker u. Lebensgefährte von Gerold Becker.
Geleitet wurde die Odenwaldschule 1972-1985 von Gerold Becker, der auch langjähriger Leiter der Vereinigung Deutscher Landerziehungsheime war , im Hessischen Institut für Bildungsplanung und Schulentwicklung arbeitete, und auch noch nach den Vorwürfen (!) bis heute als ein sehr wichtiger Exponent der deutschen Pädagogik gilt.
DIE MENSCHEN STÄRKEN, DIE SACHEN KLÄREN
„Wenn überhaupt,“ sagte Hentig der SZ, „dann könnte mal ein Schüler den Lehrer Becker verführt haben.“
http://de.wikipedia.org/wiki/Hartmut_von_Hentig
Publicola schreibt am 15.03.2010 16:01 Uhr:
MISSBRAUCH - MACHT - VERANTWORTUNG
Der gemeinsame Nenner der Sexualvergehen in den Erziehungseinrichtungen der Kirche und der modernen Reformpädagogik liegt im Missbrauch der gesellschaftlich zugeschriebenen Macht.
Woraus besteht die Macht im Falle der Sexualvergehen?
Wer ist zur Verantwortung zu ziehen ?
Im Falle der modernen Reformpädagogik (Odenwaldschule) besteht die Macht in der erziehungswissenschaftlich-regierungsamtlich zugewiesenen Anbetung realitätskonträrer Ansichten eines Kartells über Jugendliche u. Schüler schlechthin, mit dem Ziel der Vernichtung der professionellen Distanz zwischen Lehrer und Schüler.
Eine Anbetung, die auf den Weg gebracht wurde durch weite Teile der schüler- und unterrichts-erfahrungslosen universitären Pädagogik.
In der Folge erfolgte eine um sich greifende Apotheose durch Lehrerverbände wie die GEW u. Grundschullehrerverband, pädagogische Publikationen, Hessen-Pädagogik, Bertelsmann-Stiftung, NRW-Pädagogik (Rau-Denkschrift), bis hin zur kultusministeriell verantworteten. Monumentalisierung dieser realitätsleugnenden Prinzipien in sämtlichen Richtlinien aller Bundesländer.
Publicola schreibt am 13.03.2010 11:29 Uhr:
OMERTÀ UND DIE BUNDESDEUTSCHE REFORMPÄDOGIK
Die Vorgänge an der Odenwaldschule stellen Geschehnisse an katholischen Einrichtungen wahrscheinlich in den Schatten und werfen gravierende Fragen auf.
Liegt die Sicht des Wegsehens daran, dass mit von Hentig, Lebensgefährte des Kopfes des Missbrauchssystems, und dem Missbraucher Gerold Becker zwei Koryphäen der modernen Reformpädagogik betroffen sind ?
Wie weit war von Hentig in das System einbezogen, wenn – wie berichtet - Schüler auch Gästen des Hauses zur Verfügung gestellt wurden ?
Was hat eine Pädagogik, die selbstbestimmtes Lernen, Erwachsenenreife von Kindern u. Jugendlichen, die Verschiebung der Verantwortung für das Lernen vom Erwachsenen auf das Kind predigt, im Licht der Missbrauchsfälle zu bedeuten?
Könnte reformpädagogisch gedacht, eigenständige Aktivität des Schülers Ursache derartiger sexueller Beziehungen sein ?
Welche Schlüsse zieht man angesichts der vielfältigen übergreifenden Kontakte (Symposien, Bücher, Gremien, Lehrplanarbeit) zwischen den Spitzen der Reformpädagogik von Hentig, Gerold Becker, Enja Riegel, Reinhard Kahl sowie etlichen Erziehungswissenschaftlern auch nachdem die Missbrauchsfälle bekannt wurden ?
Maladus schreibt am 07.03.2010 17:26 Uhr:
Gerade das Zölibat bietet der Kirche doch einen Weg, ihr Verständnis des Geschlechtlichen zu erklären. Hier könnte sie überzeugend sogar offensiv werden. In der medialen Diskussion wird ja der tiefe Sinn des Zölibats nicht mehr wahrgenommen. Die Befreiung des Menschen von als übermächtig erlebten Naturkräften kraft seines Willens spielte in Zeiten, in denen sich die Menschen oft hilflos den Naturgewalten ausgeliefert sahen, ein größere Rolle als in heutigen Zeiten, in denen sich viele jedenfalls technisch gottgleich mächtig fühlen.
Bubach schreibt am 05.03.2010 14:50 Uhr:
"Die Umfragewerte zeigen einen katastrophalen Vertrauensverlust: Zwei Drittel der Deutschen misstrauen den Zusagen, bei der Aufklärung der Vorfälle jede Hilfe zu leisten."
Seitens der kath. Kirche sollte man mal überlegen, wie man mit Schuld umgeht. Man muss sich ja nicht gleich wie Judas umbringen. Aber einige Rücktritte wie bei Käßmann nur wegen des Alkoholvergehens und irischen und amerikanischen Bischöfen sind wegen Untätigkeit/Veranwortungsdefizit eigentlich nötig?
Publicola schreibt am 27.02.2010 21:10 Uhr:
KINDERSCHÄNDUNG - ZÖLIBAT – ÜBERFORDERUNG DER AMTSTRÄGER
Hypothese - Klarheit tut not:
Die Ansprüche der katholischen Kirche hinsichtlich des Sexuallebens und Sexualverhaltens insbesondere an ihre Amtsträger sind nicht realistisch und letztlich nicht lebbar. Wie erregt auch immer die Abwehrreaktionen gegen die Herstellung eines Zusammenhangs zwischen Kinderschändung durch Geistliche und genannten Ansprüchen sein mögen, so sind diese Abwehrreaktionen eher ein Indiz für eine der möglichen verborgenen Ursachen des nun bekannt gewordenes Fehlverhaltens. Die Einrichtung einer kirchlichen Kommission ist sinnvoll und erfreulich, doch führt sie lediglich zu einer eher als Oberflächenreparatur sich auswirkenden Maßnahme. Langfristig steht sicherlich die Verpflichtung zum Zölibat zur Diskussion.
ZÖLIBAT - STATEMENT DER SCHWEIZER BISCHOFSKONFERENZ
Faktenlage – Klarheit ist möglich:
"Ich halte es für möglich, den Pflichtzölibat für Priester abzuschaffen. Denn es gibt keine Wesens-Verbindung zwischen dem Zölibat und dem Priestertum. … In der Geschichte der Kirche wurde der Zölibat von Beginn weg als die privilegierte Form des priesterlichen Seins betrachtet. Daneben sollte es aber auch die Möglichkeit geben, verheiratete Männer zu Priestern zu weihen. ... Ja, und ich habe es auch mehrmals in Rom vorgebracht. Das Problem ist jedoch, dass ein solcher Schritt nicht für eine Region oder ein Land gesondert vollzogen werden kann. Diese Frage muss für die Gesamtkirche geregelt werden. ... Ich glaube, dass die Bischofskonferenz ziemlich einhellig der Meinung ist, dass es in der Schweiz möglich sein sollte, verheiratete Männer zu Priestern zu weihen. [Gibt es Anzeichen, dass sich auch Rom in dieser Frage bewegen könnte?] Im Moment nicht."
Quelle:
Interview mit dem Präsidenten der Schweizer Bischofskonferenz Norbert Brunner:
«Den Pflichtzölibat abschaffen»
http://www.nzz.ch/nachrichten/schweiz/den_pflichtzoelibat_abschaffen_1.4078224.html
29. November 2009, NZZ am Sonntag
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