Die Abwrackprämie als Marketing-Idee
Kategorien: Politik, Rutz – der Blog zur Krise | 0 Kommentare
04. April 2009 | Autor: Michael Rutz
Ostern, so ist es üblich, schenkt man sich eine Kleinigkeit. Die Bundesregierung legt uns Bürgern die Verlängerung der Abwrackprämie ins Osternest: 2500 Euro staatlicher Neuwagen-Subvention für den, der seine mindestens neun Jahre alte Karre verschrotten lässt. Was dem Einzelnen als Wohltat erscheinen mag, ist für die Gemeinschaft indes ein Kuckucksei. Unter den politischen Parteien haben das offenbar nur die Grünen begriffen, denn SPD und Union wollen in diesem Wahljahr von solchen Wohltaten nicht lassen.
Die Probleme beginnen mit dem Automarkt selbst. Jeder Neuwagen, der mit staatlichem Finanzschub heute erworben wird, fehlt im Absatz der nächsten Jahre. Ausgerechnet dann, wenn die Krise – wie man uns voraussagt – noch drastischer wird, stehen die deutschen Garagen voller neuer Autos. Die nächste Autokrise ist also vorprogrammiert, und die Autoproduzenten (auch die Werkstätten) werden das vor allem bei allen personalpolitischen Maßnahmen berücksichtigen.
Zudem verfallen die Gebrauchtwagenpreise. Wenn der Staat Neuwagen derart subventioniert, sind jüngere Gebrauchte kaum noch absetzbar. Die Höfe der Händler quellen über, und für die Besitzer erwächst aus der Nichtverkäuflichkeit ihres Autos ein finanzielles Problem. Sie müssen, wenn sie einen Neuwagen kaufen, für ihren „alten“ die Preisabschläge hinnehmen, die bei den Besitzern alter Schrottautos als Subvention auf der Habenseite erscheinen – letztlich eine groteske Umverteilung.
Auch umweltpolitisch ist die Abwrackprämie ein falsches Signal. Gekauft werden heute vor allem die Wagen, die noch nicht die für die nächsten Jahre versprochene und umweltpolitisch sinnvolle Technologie aufweisen – Hybridmotoren beispielsweise. Wenn diese technischen Innovationen aber einmal fertig sind, wird sie kaum einer kaufen, weil sich die meisten jetzt mit Neufahrzeugen eingedeckt haben. 1,2 Millionen Anträge auf Abwrackprämie liegen bei den zuständigen Stellen vor – das ist keine Kleinigkeit.
Auch ist die psychologische Wirkung dieser Prämie nicht zu unterschätzen. Was bringt Menschen dazu, ihren Gebrauchtwagen von vielleicht vier- oder fünftausend Euro Wert verschrotten zu lassen, um dafür 2500 Euro Prämie vom Staat zu kassieren? Warum haben sie auf Sonderaktionen der Händler mit Abschlägen in gleicher Höhe nicht reagiert, rennen aber bei Staatssubventionen den Autohäusern buchstäblich die Türen ein? Es muss sich um eine Art Schlussverkaufs-Psychose handeln, die sich rationalem Handeln entzieht und das Gehirn abschaltet.
Zu den psychischen Spätfolgen zählt auch die Verrohung der Einkaufssitten. Ist die Abwrackprämie einmal ausgelaufen, werden die Käufer dennoch darauf bestehen, dass die Neufahrzeuge mit unverändert hohem Preisabschlag ausgestattet sind. Den werden – die Marktlage wird ja schlechter – die Händler und Hersteller auch einräumen müssen, sie geben den Kostendruck nach unten weiter, rationalisieren, produzieren im Ausland und drücken die Zulieferanten. Das schadet dem deutschen Arbeitsmarkt erneut.
Hinzu kommt, dass 80 Prozent der gegenwärtigen Kaufverträge kreditfinanziert sind. Die Raten steigen zum Vertragsende hin in einem Moment, in dem der Arbeitsmarkt in schlechterem Zustand sein wird als heute. Steigende Arbeitslosigkeit bedeutet höhere Kreditausfälle, die Fahrzeuge selbst taugen als Sicherheit bei fallenden Preisen nicht, den Autohändlern schwant da ein bitteres Problem, die nächste Kreditkrise.
Und schließlich: Warum eigentlich belohnt der Staat nur das Abwracken von Autos? Warum nicht Waschmaschinen, Computer, Wohnzimmermöbel, Heizungen, Fernseher, Unterwäsche, Spielzeugeisenbahn? Da ist – man muss es nur psychologisch richtig anfangen – noch viel möglich. Wichtig ist, dass es der Staat ist, der die jeweilige Abwrackprämie ausreicht. Es läuft dann vielleicht marketingtechnisch künftig so: der Media-Markt beispielsweise oder das örtliche Möbelhaus gibt die Rabatte nicht mehr selbst, sondern bittet das Finanzamt um diese Dienstleistung und reicht die entsprechenden Finanzmittel dorthin. Dann haben die Leute das Gefühl, sie könnten dem Staat ein Schnäppchen schlagen, sich etwas zurückholen vom gierigen Fiskus, auf das sie ein moralisches Anrecht zu haben glauben. Dann gehen sie einkaufen – und allen ist geholfen.
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