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Cannes-Blog

Kinematografische Wahrheiten

Kategorien: Kultur + Leben, Cannes-Blog | 0 Kommentare
20. Mai 2009 | Autor: Josef Lederle

Pedro Almodóvar: Broken Embraces
Pedro Almodóvar: Broken Embraces

Auch zwei Tage nach der skandalumwitterten Premiere von „Anitchrist“ bewegt der Film weiter die Gemüter. Auf der Pressekonferenz wurde Lars von Trier schon mit der ersten Frage so massiv angegangen, dass er um Fassung rang. Er solle sein Werk erklären und rechtfertigen, herrschte ihn ein britischer Journalist an, und sich dabei ja nicht auf Ein-Satz-Antworten wie „Dazu kann ich nichts sagen“ zurückziehen. Es dauerte einige Minuten, bis Trier, auch mit Hilfe von William Dafoe, der den sichtlich angegriffenen Regisseur beim Arm nahm, das Heft des Handels wieder in Händen hielt. Dabei half sicher auch das Eingeständnis, nach langer Depression noch nicht ganz genesen zu sein. Der Film sei ihm eine Therapie gewesen, über dem er wieder Boden unter den Füßen gefunden habe.

Mit Bekenntnissen wie „Ich bin der beste Regisseur der Welt“, die anderen seien überschätzt, oder dem Eingeständnis, dass er seine Filme nicht fürs Publikum, sondern für sich mache, konterte Trier dann gewohnt allzu naive Absichten, die von ihm eine Deutung zentraler Motive verlangten. Deutlich wurde dabei, soweit man dies bei dem sardonisch lächelnden Trier überhaupt sein kann, dass der Film durchaus ernst gemeint ist und Trier die skandalösen Schockmomente nicht um des Effektes willen, sondern um der kinematografischen Wahrheit („Ich hätte sonst das Gefühl gehabt, zu lügen“) ersonnen hat.

Unter den Filmkritikern ist die Reaktion weiter extrem gespalten: Während einige das Werk als ernsthaften „Palmen“-Anwärter sehen, zücken nicht wenige die rote Karte und votieren unversöhnlich für „Schlecht“. Allerdings gab es bei der offiziellen Premiere im vollbesetzten Lumière-Theater minutenlang heftigen Applaus. Auch legen die Komplexität der Handlung und ihre inszenatorisch raffinierte Weitung eine gründlichere Auseinandersetzung mit dem Filme nahe, als dies auf einem Festival möglich ist.

Andere machen es den Journalisten einfacher, etwa Pedro Almodóvar, der mit „Broken Embraces“ viele vertraute Motive aufgreift, aber die Klasse seiner jüngeren Arbeiten missen lässt. Ein blinder Drehbuchautor, der in einem früheren Leben ein gefeierter Regisseur war, erinnert sich der Umstände, die ihm das Augenlicht raubten – was mit der Liebe zu einer bezaubernden Frau und, und unschwer zu erraten, mit Dreharbeiten und dem Kino zu tun hat. Penelope Cruz steht im Mittelpunkt einer figurenreichen Geschichte, in der sie auf den Spuren von Audrey Hepburn eine reife Leichtigkeit in diese spanische Variante des Film Noir trägt, in ihrer Rolle als Ehefrau und Geliebte aber zum puppenhaften Spielball der Männer verdammt ist.


Auch der rumänische Omnibus-Film „Tales from the Golden Age“, der von Cristian Mungiu initiiert wurde, reicht bei weitem nicht an dessen „Goldene Palme“-Gewinner des letzten Jahres, „4 Monate, 3 Wochen, 2 Tage“ heran. Die vier kurzen Spielfilme, die gegen Ende der Ceauþescu -Herrschaft spielen und von Mungiu und drei weiteren jungen rumänischen Regisseuren gedreht wurden, sind teils skurrile Sketche, teils unterhaltsame Minidramen, die einen längeren Atem verdient hätten. Alle zusammen sind sie von der Atmosphäre einer vermoderten Welt durchdrungen, an der nicht nur Rost und Verfall, sondern auch die totalitäre Herrschaft des Staatsapparats sichtbare Spuren hinterlassen hat.

Tales from the Golden Age

Überraschend viel Aufmerksamkeit findet „Agora“ von Alejandro Amenabar, der sich sechs Jahre nach „Das Meer in mir“ erneut auf religiöse Streitereien einlässt, diesmal im Gewand eines antiken Sandalenfilms, der gegen Ende des 4. Jahrhunderts in Alexandria spielt. Das römische Reich ist im Niedergang begriffen, seine Macht zerfällt und mit ihr die hellenistisch geprägte Kultur und Philosophie. Verdrängt wird sie vom aufstrebenden Christentum, das mit fundamentalistischer Inbrunst zuerst die pagane Kultur und den Isis-Kult niederringt, wobei auch die berühmte Bibliothek des Stadt geplündert wird. Dann entledigt sich der Patriarch mit blutiger Inbrunst aller Juden und stößt am Ende mit dem Mord an der Philosophin Hypatia das Tor zum finsteren Mittelalter auf. Auch wenn man über viele historische Details des Films streiten, eine unglückselig entwickelte Liebesgeschichte kritisieren und generell an vielen dramaturgischen Entscheidung dicke Fragenzeichen machen kann, irritiert der Blick auf den Siegeszug des Christentums als Resultat fundamentalistischer Pogrome.

Agora

Schlagworte: Cannes, Festival, Wettbewerb, Kino, Film

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Josef Lederle

Josef Lederle

Josef Lederle, Redakteuer der deutschen Filmzeitschrift film-dienst, bloggt dieses Jahr aus Cannes für den Rheinischen Merkur.

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