Liu Jiayin, die kleine Regisseurin aus Peking
Kategorien: Kultur + Leben, Cannes-Blog | 0 Kommentare
22. Mai 2009 | Autor: Josef Lederle

Ob ein Film bzw. ein Filmemacher unter den Kritikern mehr oder weniger wichtiger ist, kann man in Cannes auch an der Länge der Warteschlange ablesen, die sich vor den Pressescreenings bildet. Beim „Antichrist“ oder den „Inglorious Basterds“ muss man sich zeitig einreihen - was in Cannes bis zu 90 Minuten vor dem offiziellen Beginn bedeutet, wenn man am Ende nicht mit dem Schild „Séance complète“ abgespeist werden will. Manchmal verrät auch die akustische Kulisse etwas über den Film. Vor Michael Hanekes „Das weiße Band“ hörte man unter den Wartenden verdächtig viel österreichisches Idiom, vor „Vincere“ von Marco Belloccio klang es dagegen unüberhörbar italienisch. Zwar sind alle Pressevorstellungen überlaufen, doch scheint es beim Publikum eine gewisse nationale Verpflichtung zu geben.
Gleichwohl zeichnen sich Filmfestivals durch ihre Internationalität und die Kritiker häufig durch Vielsprachigkeit aus. Doch auch mit den gängigen Sprachen lässt sich nur ein – wenn auch großer – Teil der Welt abdecken; bei Tagalog oder Chinesisch kommen dann nur noch Kollegen aus Asien mit. Gleichwohl stammt der interessante Film des heutigen Tages auch China: „Oxhide II“ von Liu Jiayin (in der „Quinzaine“). Die kleine Regisseurin aus Peking hat ihre minimalistische Studie „Oxhide“ („Niu Pi"/„Kuhhaut") über ihre eigene Familie und deren Lederwerkstatt fortgeführt, mit der sie 2005 auf der „Berlinale“ für eine Sensation sorgte und den „Caligari-Preis“ gewann.
Wieder beobachtet sie in CinemaScope und auf Video das Geschehen in dem einen großen Raum der elterlichen Wohnung, wo der Vater seinen Taschen herstellt, gekocht, gegessen, gesprochen und gestritten wird – alles an dem einen, aus grobem Holz gezimmerten Tisch. Und erneut besteht sie darauf, dass es sich um „Fiction“ handelt, nicht um eine Dokumentation, obwohl der 133-minütige Film nahezu in Echtzeit die Zubereitung der abendlichen Dumpling-Mahlzeit zum Thema hat. Mit nur neun durchgehenden Einstellungen könnte man freilich auch von einem Experimentalfilm sprechen, wozu auch die Aussicht passt, dass Liu weitere Sequels folgen lassen will.
Man will es nicht glauben, aber wenn man die ersten zehn Minuten überwunden hat, entfaltet der Film Spannung und Komik. (In Cannes hielt sich die Abwanderung der Zuschauer in Grenzen, vielleicht auch, weil es sich bei der Vorstellung um ein „Special Screening“ handelte, bei der die meisten wohl wussten, was auf sie zukam). Das hat damit zu tun, dass der Bildausschnitt durch das Scope-Format rudimentär ist; man sieht nur einen Teil der agierenden Personen, meistens die Hände, einmal aber auch nur die Füße, zum Schluss dann auch die Köpfe. Das Geschehen wird durch die minutiöse Handlung – die Zubereitung des Essens –, aber auch durch die Geräusche strukturiert, die dabei entstehen. Man nimmt an den Sorgen und Nöten der Eltern teil, deren Handwerk keinen Gewinn abwirft, und die darüber beraten, ob sie ihren Verkaufsshop nicht schließen soll. Dazu kommen Alltagssätze, kleine Geplänkel am Rande, aber auch viel Stille und Schweigen. Das ist fast so spannend wie ein Krimi, auch weil sich Liu für die neun Einstellung überraschende Perspektiven einfallen lässt. Sie gewährt einen authentischen Eindruck ins Leben ihrer Familie, die aus westlicher Perspektive am Hungertuch nagt, aber dennoch einen sehr vitalen und humorvollen Eindruck macht. Ein Film für Cineasten – und solche, die es werden wollen.
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