Michael Haneke kommt seinem Ideal nahe
Kategorien: Kultur + Leben, Cannes-Blog | 0 Kommentare
21. Mai 2009 | Autor: Josef Lederle
Der rote Teppich ist in diesem Jahr nicht der magische Kulminationspunkt des Festivals, weil die ganz großen Stars, insbesondere die aus Amerika, fehlen. Bis gestern Quentin Tarantino und seine „Basterds“ aufkreuzten, die aus dem meist etwas förmlichen Schaulaufen eine aufgekratzte Show machten. Brad Pitt wurde von Angelina Jolie begleitet, Tarantino tanzte mit Mélanie Laurent über den Flor, Christoph Waltz und Til Schweiger schwebten in höheren Regionen. Auch der neue „Haneke“, in Schwarz-Weiß und erstmals ohne den obligatorischen Schock-Moment, wurde mit warmem Applaus aufgenommen, auch wenn „Das weiße Band“ mit knapp zweieinhalb Stunden ziemlich lang geraten ist.
Man könnte fast von einer Neuausrichtung bei Haneke sprechen, angesichts der vielen überraschenden Elemente, die dem episch dahin fließenden Film eine Fontanesche Aura verleihen. Das liegt nicht nur an der chronikhaften, literarischen Off-Erzählung eines Dorflehrers, der sich an Vorkommnisse vor dem Ersten Weltkrieg im Nordosten Deutschlands erinnert, sondern auch an der intensiven Arbeit mit den Schauspielern und Kindern sowie einer Inszenierung, die handlungsorientierter ist, als man das von dem österreichischen Regisseur gewohnt war. Selbst die episodische Struktur, die eine enorme Vielzahl an Figuren und Ereignissen zu bewältigen hat (ursprünglich war der Film als Dreiteiler fürs Fernsehen geplant), integriert sich in den Wechsel der Jahreszeiten, die in gelassener Feierlichkeit von der Kamera protokolliert werden.
Es liegt eine eigenartige Spannung über den kontrastarmen Bildern, deren Ruhe den gewaltsamen Zwischenfällen widerstreitet, von der das Dorf heimgesucht wird. Es beginnt im Sommer 1913 mit dem Unfall des Doktors, der beim Ausreiten über ein Seil stolpert, das zwischen den Bäumen gespannt wurde. Der Sohn des Barons wird blutig geschlagen, eine Scheune geht in Flammen auf, ein behindertes Kind findet man halbtot an einen Baum gefesselt. Doch nie können die Täter oder ihre Motive ermittelt werden. Dafür ziehen die Geschehnisse teilweise drastische Reaktionen nach sich, die ganze Familien ins Elend stürzen.
Der Titel spielt auf eine Erziehungsmethode im Hause des Pfarrers an, der seine beiden ältesten Kinder an Unschuld und Reinheit erinnern will. Hier herrscht ein strenger Geist, vom „Herrn Vater“ wortreich, aber auch mit der Rute eingebläut. Doch obwohl das Land und die Landschaft eine solemne, in Jahrhunderten gewachsene Ruhe und Ordnung ausstrahlen, ist die Moderne auch in dieser Region angekommen, im Denken des Barons oder den Lebensumständen des Doktors, der mit dem bäuerlichen Leben wenig gemein hat. Ohne die Dialoge überzustrapazieren oder die Handlung gewaltsam zu akzentuieren, zeichnet Haneke wunderbar leichthändig ein differenziertes, nuancenreiches Bild jener Epoche, die kaum hundert Jahre vergangen ist, aber nicht nur durch das erstaunliche Production Design wie von einem anderen Stern erscheint.
Seine in langen Jahren erprobte Methode episodisch-intellektuellen Filmerzählens findet hier zu einer kristallinen Klarheit und Dichte, die, gepaart mit einem langen Erzählatmen, Hanekes Ideal ziemlich nahe kommen: so konkret und sinnlich wie möglich zu sein, den Menschen und ihren Lebensumständen nahe, und gleichzeitig der Abstraktion und dem Denken unverstellte Zugänge zu eröffnen. „Das weiße Band“ ist deshalb beides: visuell bestechendes Bilderbuch des ländlichen Lebens Anfang des 20. Jahrhunderts und Diskurs über die Zeit und ihre Widersprüche, die dann im Ausbruch des Ersten Weltkriegs ein Ventil fanden.
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