Quentin Tarantinos SS-Film enttäuscht
Kategorien: Kultur + Leben, Cannes-Blog | 0 Kommentare
21. Mai 2009 | Autor: Josef Lederle

Okay Guys, dies ist keine Message von Aldo Raino und seinen „Inglorious Basterds“, die ihre Baseballschläger schwingen, sondern die Nachricht, dass Quentin Tarantinos mit viel „German Money“ produzierter Film weder besonders blutrünstig noch jene cineastische Offenbarung ist, die man durch die Vorberichterstattung erwartete. Der Film ist eine Groteske, angesiedelt irgendwo zwischen „Der große Dikator“ und „The Searchers“, mit zahllosen filmhistorischen Anleihen von „Metropolis“ über Leni Riefenstahl bis zum Spagetthi-Western und einem überragenden Christoph Waltz als SS-General Hans Landa, dem der Film auf den Leib geschrieben scheint.
Die Story ist verwegen und hat mit der Vorlage von Enzo G. Castellari nicht mehr als den Titel gemein. „Once up a time … in Nazi-occupied France“, wütet Landa mit manischer Gründlichkeit unter den Juden, die er noch im entlegensten Schlupfwinkel aufspürt. Doch nach der Landung der Alliierten ist es mit der Selbstherrlichkeit der Nazis bald vorbei, insbesondere, weil die amerikanischen Killerkommandos auch hinter den deutschen Linien agieren. Das Wort von den hundert Skalps, die Raino von jedem seiner Kämpfer verlangt, zieht eine blutige Spur durch Frankreich. Selbst bei Hitler (Martin Wuttke) zeigt diese psychologische Kriegsführung Wirkung. Doch damit endet noch kein Krieg. Diese Chance ergibt sich erst, als Hitler, Goebbels und Göring zu einer Filmpremiere nach Paris kommen, wo Aldo & Co sie bereits erwarten. Doch noch ein weiteres Attentat ist in Vorbereitung. Die Besitzerin des Kinos „Gammar“, in dem die Premiere stattfinden soll, plant ebenfalls, die Deutschen zu stoppen – mit Hilfe ihrer Filmkopien.
Trotz dieses handfesten Plots ist „Inglorious Basterds“ ein Film in fetten Anführungszeichen, eine in fünf Kapiteln mit mäßigem Tempo ausfantasierte Spielerei, in der das Kino und die Liebe zum Zelluloid den Lauf der Welt entscheidend verändern. Mit der realen Historie hat nicht nur das Ende nichts zu tun; jede einzelne Einstellung trägt quasi den unsichtbaren Stempel „Vorsicht, Film!“, in dem diesmal nicht die Musik, sondern die unterschiedlichen Sprachen (Englisch, Amerikanisch, Französisch, Italienisch, Deutsch) und ihre Dialekte eine entscheidende Rolle spielen. Auch enthüllt das Böse seine Fratze einmal nicht mit bestialischen Taten, sondern tänzelt mit feinen Manieren und formvollendeter Galanterie über die Leinwand. Auffällig ist, mit welchem Aufwand die Unterschiede in Herkunft, Ausbildung und gesellschaftlicher Stellung herausgearbeitet werden - obwohl dann doch alles Popkorn oder im besten Falle Camp ist.
Man wird noch viel über die deutschen Schauspieler sprechen - neben Waltz und Wuttke u.a. Til Schweiger, Michael Fassbender, Daniel Brühl, August Diehl -, den internationalen Cast, die Adaption deutscher Filmgeschichte, das Verhältnis Tarantinos zum Kino oder wie das alles zusammen passt oder nicht. Ob das für einen Erfolg an der Kinokasse reicht, mag man bezweifeln. Doch hier in Cannes passt der Film in diesem Jahr zu einer langen Reihe anderer Arbeiten, die vor allem eines verbindet: die Selbstthematisierung des Kinos. In manchen Filmen geschieht das dialogisch (u.a. in „Nobodys knows about Persian Cats“, „Dogthooth“, „,Like you know it all“ von Hong Sang-soo), in dem Figuren an Filme erinnern, Dialoge zitieren oder sich mit Schauspielern vergleichen. Diese Form von Cinephilie ist in Deutschland zwar kein Alltagsphänomen, in anderen Ländern aber weiter verbreitet und in Festivalfilmen durchaus nichts Ungewöhnliches. Für sich allein wäre auch der Kinobesuch in Alain Resnais' „Les Herbes Folies“ noch nichts Besonderes, auch der Videoladen nicht, in dem Hirokazu Kore-edas „Air Doll“ strandet, und dass in Pedro Almodóvars „Broken Embraces“ das Filmemachen selbst zum Gegenstand wird, verwundert auch nicht. Die Häufung gibt zu denken - ein gutes Zeichen will darin momentan leider niemand sehen.
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