Was ist heute konservativ?
Kategorien: Politik, Rutz – der Blog zur Krise | 3 Kommentare
10. März 2009 | Autor: Michael Rutz
Konservative wurden stets rasch in die Ecke gedrängt. Sie galten stets als rückwärts gewandte Störer in einem Zeitgeist, der auf Fortschritt getrimmt ist und der schon immer (jedenfalls bis zur gegenwärtigen Finanz- und Wirtschaftskrise) dazu neigte, Bewährtes leichthin aufzugeben. Wenn heute in den Unionsparteien von „den Konservativen“ die Rede ist, ist noch immer ein abschätziger Ton unterlegt: Das sind die, die geistig im Gestern leben. Und wenn es ganz böswillig kommt, wirft man sie begrifflich mit den Holocaustleugnern, Antisemiten, Fremdenfeinden und Neo-Nationalisten in einen Topf.
Die Konservativen aber, deren viele gerade in diesen Tagen im Zwist mit der ihnen nahestehenden CDU/CSU leben, haben mit solchen Karikaturen nichts gemein. Sie, die sie dort bisher einen Teil der Stammwählerschaft gestellt haben, spüren allerdings, dass ihnen nun – da ihre bewahrende, vorsichtige und nicht draufgängerische Haltung vor der Geschichte Bestand hat – nicht etwa Zustimmung entgegenschlägt, sondern sich die Politik ihrer Partei von ihren Grundsätzen abwendet.
Dabei hatte die Union nach dem Wahldebakel von 2005 die Diskussion um diesen Begriff und vor allem um seine Inhalte schon einmal aufgenommen. Solche Programmdebatten, wie sie angesichts des unklaren – man könnte auch sagen: „pragmatischen“ - Profils der Union auch jetzt wieder notwendig scheinen, sind produktiv. Denn sie geben öffentlichen Anlass, die Wirklichkeit zu überprüfen auf Wandlungen mit programmatischer Bedeutung. Sie schaffen Selbstbewusstsein vor allem dort, wo man zur Überzeugung kommt, dem sich wandelnden Zeitgeist nicht folgen zu wollen. Sie bilden Identität durch Selbstvergewisserung, weil den Mitgliedern einer Partei wieder plastisch deutlich wird, wofür sie einstehen. Und die potentiellen Wähler erkennen, bei wes Geistes Kind sie ihre Stimme abgeben.
Diese Debatte, seinerzeit begonnen unter den Auspizien einer innerparteilichen Antisemitismus-Diskussion, dann dringlich nach dem Bundestagswahl-Desaster 2005 und nun nach vier Jahren großkoalitionärer Profilverwischung erneut auf der Tagesordnung, muss die CDU in den kommenden Monaten erneut beschäftigen. Denn die Demoskopen stellen einen Besorgnis erregenden Schwund an Stammwählern fest. Dabei geht es vor allem um die Frage: Wofür steht eine moderne konservative Partei – auch (oder gerade) in Zeiten der Krise? Der Versuch einer Antwort könnte so aussehen:
Sie definiert ihre Politik mit starkem Geschichtsbewusstsein. Daher wird sie wissen, dass die Konkurrenz von Nationalstaaten immer wieder kriegsauslösend war. Sie wird daher ein vereintes Europa in den Mittelpunkt ihres außenpolitischen Denkens stellen und den deutschen Nationalstaat darin einbetten. Sie wird die Bildung einer europäischen Identität unter den Bürgern der EU fördern und die Bildung eines europäischen Bundesstaates für möglich halten. Sie wird Europa mit allen Kompetenzen eines Staates, auch den militärischen, ausstatten und sein aufgrund seiner Wertüberzeugungen selbstbewusstes, auch interessengeleitetes, Auftreten in der Weltgemeinschaft fördern.
Sie wird dieses Europa aus seinen historischen, kulturellen und hier zuerst seinen christlichen Wurzen begreifen, die unsere Auffassung von einem freien Leben unverändert prägen. Sie wird für die Lebendigkeit dieser Wurzeln eintreten, für ihre Revitalisierung dort, wo sie schwach geworden sind.
Dabei wird eine moderne konservative Partei anderen Religionen und Kulturen mit großer Toleranz, Offenheit, intensiver Dialogbereitschaft und großzügigen Integrationsofferten gegenübertreten. Sie wird die Akzeptanz der uns bedeutsam gewordenen Werte der individuellen Freiheit, der Gleichberechtigung von Mann und Frau, der Selbstverantwortung, der im Grundgesetz formulierten Menschenrechte und der Demokratie allerdings zum Ausgangspunkt dieser Dialoge machen und Integrationsofferten dort enden lassen, wo die Akzeptanz dieser Überzeugungen abgelehnt wird.
Mehr noch: Sie wird diese Werte wehrhaft, notfalls mit Waffengewalt, verteidigen, in Deutschland, Europa und anderswo. Sie kennt Toleranz, aber keine Toleranz gegenüber denen, die Intoleranz predigen.
Die Zusage an Europa ist zugleich eine Absage an jeden Nationalismus, auch an ein Staatsbürgerschaftskonzept, das auf dem ius sanguinis fußt, also der Parole: Deutschland den Blutsdeutschen. Deutschland gehört denen, die mit Pass und deutscher Sprachfertigkeit darin wohnen. In einer modernen konservativen Partei ist also kein Platz für nationalistische Parolen, deren innerer Urgrund auf Fremdenfurcht beruht und rassistische Aspekte aufweist.
Eine solche Politik anerkennt auch: Deutschland ist ein Einwanderungsland. Eine moderne konservative Partei wird Einwanderungspolitik nicht zuerst als Sozialpolitik, als Geste des Mitleids, begreifen, sondern - nach aller demografischen Entwicklung ist das besonders sinnfällig - als Interessenspolitik des Wirtschafts- und Kulturstaates, jeweils mit dem Ziel seiner inneren Stärkung. Sprach- und Landeskenntnisse, Integrationswillen und Ausbildung, ein für den Wirtschaftsprozess noch sinnvolles Lebensalter darf sie als Kriterien der Einwanderungserlaubnis guten Gewissens vorgeben. Sie wird Ghettobildungen zu verhindern suchen und Integration in und Identifikation mit dem Aufnahmeland fördern und fordern. Sie wird ihre Politik der internationalen Solidarität mit dem Ziel führen, den Menschen in ihren Heimatländern auskömmliche Lebensbedingungen zu schaffen.
Ein moderner Konservativismus wird den Gedanken des Vaterlandes und jedes Heimatgefühl gerade deshalb fördern, weil er für ein vereintes Europa eintritt. Er hält deshalb die Gedanken des Föderalismus und der Bundesländer hoch und wird sich - im Konfliktfalle mit dem Nationalstaat - für diese entscheiden.
Ein moderner Konservativismus sorgt sich um die Erneuerung der Gesellschaft und ihrer inneren Lebenskraft. Er stellt Kinder und im Zusammenhang damit die Familie als System der gegenseitigen Solidarität und des Vertrauens daher in den Mittelpunkt seines gesellschaftspolitischen und gesetzgeberischen Handelns. Er lässt dabei der Ehe eine besondere Förderung angedeihen, weil sie die verlässlichste Lebensform und damit für Familienentscheidungen jene Grundlage ist, die die relativ größte Zukunftssicherheit verspricht. Er wird fördern, Männer und Frauen gleichberechtigt an Kindererziehung und beruflichen Chancen beteiligen und alle gesetzgeberischen und finanziellen Voraussetzungen dafür schaffen. Er wird die Entscheidung von Elternteilen, sich ganz der Kindererziehung zu widmen, als dem Kindeswohl besonders dienlich anerkennen und die materiellen Nachteile einer solchen Entscheidung ausgleichen. Er wird die Kosten für eine chancengleiche Entwicklung von Kindern aus öffentlichen Mitteln finanzieren.
Eine moderne konservative Partei wird die Soziale Marktwirtschaft zu ihrem Modell machen. Sie sieht darin den gesellschaftlichen Solidaritätsgedanken am besten gepaart mit einer effizienten und innovativen Verwendung der volkswirtschaftlichen Ressourcen. In ihrer Sozialpolitik wird sie von den Grundbegriffen der christlichen Soziallehre ausgehen: Personalität, Subsidiarität, Solidarität. Sie wird dabei der Erwartung Vorrang einräumen, dass der Bürger sich in Notfällen zunächst selbst um Hilfe bemüht, solange dies in seiner Kraft oder jener der ihn umgebenden Sozialstrukturen - etwa der Familie - steht. Erst, wenn diese Möglichkeiten ausgeschöpft sind, wird er denen, die sich selbst nicht mehr helfen können, mit staatlicher Sozialpolitik beispringen - dann allerdings kraftvoll und ausreichend.
Im Gegenzug wird diese Partei den Bürger nicht unbillig mit Steuern und Abgaben belasten. Zu diesem Ziel begreift moderner Konservativismus den Staat zwar nicht als Minimal- oder Nachtwächterstaat, aber er erwartet, seine Ausdehnung auch deshalb begrenzen zu können, weil auf allen Ebenen ein freiwilliges, kommunitaristisches (bürgergesellschaftliches) Engagement blüht. Er wird sich in seinem Ausgabeverhalten demnach vor allem auf die sinnvollen meritorischen Güter konzentrieren, zuvörderst also Infrastruktur und Sicherheit. Er wird Anpassungssubventionen auf ein Mindestmaß reduzieren und Erhaltungssubventionen auf systemisch unerlässliche Strukturen beschränken, weil er andernfalls den Strukturwandel hemmt, der notwendiger Motor des wirtschaftlichen Fortschritts ist.
Zu den meritorischen Gütern eines modernen Industriestaates zählt insbesondere die Bildung. Ein moderner Konservativismus wird deshalb die bestmöglichen Bildungseinrichtungen bereitstellen. Dabei fördert er den Leistungs- und Wettbewerbsgedanken und die Bildung einer Elite, deren Selbstbewusstsein auf Wissen und Können beruht. Die Zugangskriterien zu diesem Bildungssystem organisiert er nach Kriterien absoluter Chancengleichheit, mithin ohne Rücksicht auf soziale Herkunft, Reichtum oder Beziehungen. Die Kosten für eine chancengleiche Erziehung wird er der öffentlichen Hand anlasten.
Eine moderne konservative Partei wird die natürlichen Lebensgrundlagen entschieden schützen. Das betrifft die Erde als Lebensraum für Menschen, Tiere und Pflanzen - aber auch Pflanzen, aber auch einen nachhaltigen Klimaschutz. Sie wird gentechnischen Methoden daher mit Skepsis gegenübertreten.
Sofern diese gentechnischen Methoden in das werdende Leben eingreifen, wird sie solche Methoden kompromisslos ablehnen, weil sie unvereinbar sind mit der Achtung vor der Würde des menschlichen Lebens. Konsequenterweise wird sie die Abtreibungsdebatte wieder aufnehmen mit dem Ziel eines Abtreibungsverbots. Am anderen Ende des Lebens wird sie konzessionslos lebensverkürzende Euthanasie ablehnen.
Sie wird eintreten für den laizistischen Staat, für die Trennung von Kirche und Religion. Aber sie wird die Kirchen als kritische Widerlager einer Gesellschaft in besonderer Weise in ihrem Ziel fördern, Menschen jene transzendentalen, ethischen und moralischen Grundlagen zu schaffen, ohne die eine Gemeinschaft von Menschen nicht zukunftsfroh und zuversichtlich leben kann.
Eine moderne konservative Partei wird ihre Überzeugungen mit Kraft und Selbstbewusstsein durchzusetzen suchen. Sie wird dabei aber eine konzeptionelle Demut an den Tag legen, die die Erneuerungsfähigkeit einmal gewonnener Überzeugungen zulässt.
Kommentare (3)
Helmut Wanner schreibt am 21.03.2009 17:57 Uhr:
Bei unseren französische Nachbarn gibt es diesen Begriff des Konservativen überhaupt nicht. Dort gibt es rechte oder linke Positionen.Das ist normal.Es gibt jenseits des Rheins rechte Menschen, die in manchen Dingen links denken und fühlen und vice versa.
In Deutschland will keiner mehr rechts sein, weil man sofort im Verdacht steht, rechtsradikal und rechtsextrem zu sein. Dass man dieses Radikale und Extreme heute automatisch mitdenkt, ist eine Folge der verschiedenen Aktionen gegen Rechts, bei denen sogar CDU-Bürgermeister vorneweg marschieren. Rechts zu sein ist zum Schimpfwort geworden.
Reaktionär zu sein, das heißt widerständig zu sein gegen die Wellen des Zeitgeistes, ist heute eigenartigerweise schon fast unverdächtiger.Aber das will man auch wieder nicht sein, da man dem Götzen Fortschritt verpflichtet ist. So ist man halt am liebsten konservativ oder noch besser wertkonservativ.
Die Krise des Konservativen wiederum beweist bezeichnenderweise das konservative Flaggschiff im Bereich der Wochenblätter, der Rheinische Merkur. Nach der Lektüre des Artikels "unbegrenzt haltbar" von Daniel Dettling, bezeichnenderweise Leiter eines Thinktanks Berlinopolis, hat man ein ähnliches Gefühl, als habe man eine Hamburgersemmel gegessen ohne Gewürz und Fleischbeilage. Man hat seine Zeit mit Kauen zugebracht, aber weiß nachher nicht, was das war, was man da geschluckt hat.
Henning Klingen schreibt am 16.03.2009 16:00 Uhr:
Als Theologe oder auch als „religiös musikalischer“ Mensch liegt es wohl nahe, sich auf die Seite eines bewahrenden Konservativismus zu schlagen und insbesondere im Blick auf die inflationären „Wertedebatten“ eine wertkonservative Linie zu vertreten. In diesem Zusammenhang liegt demnach auch stets die Bezugnahme auf die „christlichen Werte Europas“ nahe oder etwa die Betonung der gottgegebenen Würde des Menschen. In einen meines Erachtens gefährlichen, weil nicht argumentativ verallgemeinerbaren, Neotraditionalismus kippt diese Linie jedoch dort, wo man sie etwa auf Fragen des Lebensschutzes in dem Maße ausweitet, dass etwa die Abtreibungsdebatte „mit dem Ziel eines Abtreibungsverbotes“ – wie Sie es schreiben – wieder aufgenommen wird. Welchen Wert misst man der bürgerlichen Selbstbestimmung und der Gewissensfreiheit des einzelnen zu, wenn man das Ergebnis der Debatte („Ziel eines Abtreibungsverbotes“) bereits vorweg nimmt? Müsste ein reflektierter moderner Konservativismus hier nicht zur Einsicht kommen, dass man sich auf die Mühen der Ebene einlassen muss und an einer Änderung der gesellschaftlichen Haltung zu Ehe und Familie arbeiten muss? Gesetzesentschlüsse sollten – rechtsphilosophisch betrachtet – Ergebnis demokratischer Deliberationsprozesse sein und diesen nicht vorausliegen.
Interessanterweise kippt der Konservativismus gerade im Blick auf die Wirtschaftspolitik letztlich in eine von Grunde auf liberale Haltung um. Pocht er, wie Sie es schreiben, auf der einen Seite noch auf den „Gedanken des Vaterlandes“ und auf ein wie auch immer geartetes „Heimatgefühl“, so beschränkt er sich wirtschaftspolitisch auf eine dem amerikanisch Wirtschaftsliberalismus nahe kommende Rahmengesetzgebungspraxis, in der der einzelne als unternehmerisches Individuum den Maßstab darstellt. (Es war Hannah Arendt, die dieses Denken auch auf die politische Willensbildungspraxis übertrug und etwa in den USA zwei einander widerstreitende Strömungen – den Liberalismus und auf der anderen Seite den Republikanismus – ausmachte). Mich irritiert an dieser wirtschaftsliberalen Lesart des Konservativismus vor allem die Blindheit jeglicher globalisierter Solidarität gegenüber. Insbesondere in Zeiten wirtschaftlicher Rezession droht – man sieht es ja derzeit – die nationalstaatliche Abschottung und eine Prioritätensetzung, die Solidaritätsbestrebungen wie etwa die Einhaltung der Milleniumsziele auf der politischen Agenda weiter nach unten rutschen lässt.
Aber das sind freilich realpolitische Anwendungsbereiche des Konservativismus, die mich eigentlich weniger umtreiben als die gleichsam hinter den politischen Kulissen verhandelte Frage nach den metapolitischen Ressourcen, die den Konservativismus speisen. Wenn – wie Sie schreiben – ein moderner Konservativismus sich „um die Erneuerung der Gesellschaft und ihrer inneren Lebenskraft“ sorgt, so mag sich das auf konkreter politischer Ebene in erfolgreichen Gesetzgebungsverfahren und staatlichen Förderungen etwa für Ehe und Familien niederschlagen – aber mit welchem Kraftstoff wird der diskursive Motor betrieben? – Ist es tatsächlich noch das Christentum? Reicht eine Beschwörung der „christlichen Wurzeln“ zur Legitimation in einem weiter von Säkularisierungsprozessen geschüttelten Land aus? Ist am Ende vielleicht – so meine vorsichtige Vermutung – die Beschwörung der „christlichen Wurzeln“ weniger ein philosophischer großer Wurf als vielmehr ein Ausdruck einer Legitimationskrise und damit Ausdruck einer Krise des konservativen Selbstverständnisses?
Meine „These“ möchte ich erläutern: Ich knüpfe dabei an Ihren letzten Satz an, demnach ein moderner Konservativismus „eine konzeptionelle Demut“ an den Tag zu legen habe, der die „Erneuerungsfähigkeit einmal gewonnener Überzeugungen zulässt“. Ich möchte an dieser Stelle einhaken und weiterfragen: Wäre nicht die passendste Bestimmung des modernen Konservativismus jene, das der „wahre“ Konservative sich das Bewusstsein dessen bewahrt hat, was fehlt? (Mit dieser Formulierung ist eine dialektische Kehrtwende vollzogen, für die mich die alles andere als konservativen „Erfinder“ dieser Formulierung – Bertolt Brecht und Jürgen Habermas – vermutlich erschlagen würden…)
Um das weiter auszuführen: Ich beziehe mich dabei auf eine Idee des französischen Philosophen (und anfangs glühenden Kommunisten!) Claude Lefort. Dieser spricht angesichts der modernen Demokratie von der Notwendigkeit einer „Fortdauer des Theologisch-Politischen“. Er beschreibt diesen etwas unverständlich daherkommenden Begriff mit dem Hinweis, dass selbst die liberalen Demokratien nicht ohne jenes „Gefühl des Bruchs“ auskommen, jenes Bewusstsein des Verlustes an Selbstverständlichkeit etwa moralischer Überzeugungen und ethischer Maßstäbe – freilich ohne auf der anderen Seite gleich der Versuchung einer neuen Setzung dieser Maßstäbe zu erliegen. Daran angelehnt könnte man meines Erachtens einen Begriff des modernen Konservativismus entfalten, der die Abschiedlichkeit von Selbstverständlichem inhaliert und als Kern seines Selbstverständnisses reflektiert hat.
Freilich muss man für diesen Gedanken nicht notwendigerweise einen Ausflug in die französische politische Philosophie unternehmen. Man könnte sich dabei genauso auch auf einen deutschen Philosophen berufen, der ebenfalls alles andere als im Rufe des Konservativen steht: Theodor W. Adorno. Ihm zufolge steht die Bezugnahme auf die Tradition – man könnte auch ersetzen: der Konservativismus – heute vor einem „unauflöslichen Widerspruch: Keine [Tradition / Konservativismus] ist gegenwärtig zu beschwören; ist aber eine jegliche ausgelöscht, so beginnt der Einmarsch in die Unmenschlichkeit“.
Wenn man einen modernen Begriff des Konservativen entwickeln möchte, so kommt man m.E. nicht ohne solche dialektischen Winkelzüge aus; denn das Rad der Entwicklung und auch jenes der moralischen Freisetzung des Subjekts (philosophisch korrekter: des Individuums) lässt sich nicht zurückdrehen – es lässt sich nur lenken und der „produktive Umgang mit Ungewissheit“ (so hat der Sozialphilosoph Helmut Dubiel das Wesen demokratischer Politik umschrieben) auf diese Weise reflektiert einüben. Der „wahre“ Konservative versteht seinen Konservativismus daher als „grenzenlose Befragung“.
Werner Hummel schreibt am 15.03.2009 13:57 Uhr:
Geschichtsbewusstsein, Besinnung auf christliche Wurzeln, Sinn für Offenheit und Integrationsbereitschaft einer Kulturgesellschaft, Orientierung an Familie und gleichzeitig Ausrichtung auf die internationalen Verflechtungen, soziale Marktwirtschaft und Begrenzung der Rolle des Staates, Bewahrung der natürlichen Lebensgrundlagen und Eröffnung für transzendente Räume inneralb einer säkularen Welt. Mit diesen Werten umschreibt Michael Rutz das Profil einer modernen konservativen Partei. Wäre der Kommentator ein Kulturpessimist und orientierte sich an der Lektüre der Schriften von Jose Ortega y Gasset, so wüsste er, dass bereits die Formulierung der Werte in einer sich schnell verändernden demographischen und finanz-wirtschaftlichen Situation zum gegenwärtigen Zeitpunkt einem u-topos, einer Utopie gleichkommt: Wünschen hießen in diesem Fall über den Verlust klagen. Michael Rutz schreibt aber im Futur und hat offensichtlich die Hoffnung auf Veränderung noch nicht aufgegeben. Weiß er mehr als in seinen luziden Kommentaren zu erfahren ist? In Kürze: kennt er die Personen, die bereitstehen für den Fall der Fälle, dass das "Merkel, Merkel, mene tekel uparshin" bei den nächsten Wahlen Wirklichkeit wird? Viele besorgte Bürger, die dem von Michael Rutz skizzierten konservativen Profil entsprechen, sehen diese Intellektuellen, zu denen auch Michael Rutz gehört, im Hintergrund sehr deutlich. Doch gleizeitig sind sie entmutigt von der Verzagtheit mit der diese Männer und Frauen sich aus dem politischen Alltagsgeschäft heraushalten. Aus der politischen Landschaft zugewandten Stoikern scheinen Epikureer geworden zu sein - ihrem gesellschaftlichen und beruflichen Einsatz für Idee der res publica sei dabei überhaupt nichts genommen.
Der Kommentator wünscht sich, an diesem Punkt zu irren und hofft, dass das Futur in der Beschreibung des Chefredakteurs mehr Veränderungskraft entfaltet als das Schwanken zwischen Besorgnis und Ohnmacht auf der Seite des konservativen Wählers.
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